| Auswirkungen der Art der Speisenverteilung auf Mangelernährung in der geriatrischen Langzeitpflege |
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| Datum |
April 2011 |
| AutorInnen |
Hierzer A, Schoberer D, Uhl C, Schaffer S, Haas W, Schrempf S, Semlitsch B, Findling T.
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| Auftraggeber |
LKH Univ. Klinikum Graz |
| Kontakt |
daniela.schoberer@klinikum-graz.at |
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Pflegefrage
Kann bei geriatrischen LangzeitpflegepatientInnen durch die Art der Speisenverteilung (Schöpfsystem versus Tablettsystem) einer Mangelernährung entgegen gewirkt werden?
Hintergrund
Mit dem Pflegephänomen Mangelernährung, dem „anhaltenden Defizit an Energie und/oder Nährstoffen im Sinne einer negativen Bilanz zwischen Aufnahme und Bedarf mit Konsequenzen für Ernährungszustand, physiologischen Funktionen und Gesundheitszustand“ (Bartholomeyczik et al 2008, S.49), sind Pflegende in der Pflegepraxis insbesondere in Pflegeheimen häufig konfrontiert. Das Pflegeproblem Mangelernährung wurde im Rahmen der Landesweiten Prävalenzerhebung pflegebezogener Daten 2009 in sechs österreichischen Pflegeheimen (N=794) untersucht. Man ist zu den Ergebnissen gekommen, dass in den teilnehmenden Einrichtungen 8,4 Prozent der BewohnerInnen an einem moderaten und 15,2 Prozent an einem hohen Risiko für Mangelernährung leiden (Schönherr & Lohrmann 2010). Mangelernährung kann schwerwiegende negative Konsequenzen nach sich ziehen, wie ein erhöhtes Auftreten von Infektionen, Funktionsstörungen, Müdigkeit und Antriebslosigkeit und kann zu einem Anstieg der Mortalität und Morbidität führen (Schreier et al 2004, S.30; Heseker 2003). Die Sorge um eine bedarfsdeckende Ernährung ist eine grundlegende Aufgabe der Pflege, daher ist es insbesondere für professionell Pflegende relevant wirksame Maßnahmen zu setzen, um Mangelernährung bei PatientInnen entgegen zu wirken.
Methodik
Zur Beantwortung der Pflegefrage wurde eine systematische Literaturrecherche in den Datenbanken Medline, CINAHL, Cochrane Central Register of Controlled Trials, Cochrane Database of Systematic Reviews und EMBASE mit den Suchbegriffen „family style OR home style AND malnutrition OR food OR nutrition“ durchgeführt. Die Recherche beschränkte sich auf deutsch- und englischsprachige randomisierte kontrollierte Studien und systematische Übersichtsarbeiten, sowie auf das Alter 65+. Die Titel und Abstracts der „Treffer“ wurden hinsichtlich der Erfüllung der festgelegten Einschlusskriterien geprüft. Die entsprechenden Artikeln wurden im Volltext gelesen und mit Hilfe von Bewertungsbögen für Interventionsstudien (Behrens & Langer 2010) hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit, Aussagekraft und Anwendbarkeit von jeweils zwei Autorinnen (Hierzer & Schoberer) unabhängig voneinander geprüft. Glaubwürdige Studien wurden zur Beantwortung der Pflegefrage herangezogen.
Ergebnisse
Zwei randomisierte kontrollierte Interventionsstudien entsprachen den Qualitätskriterien und wurden zur Beantwortung der Pflegefrage herangezogen. Durch ein Schöpfsystem und der damit verbundenen Umgebungsgestaltung kommt es bei PatientInnen in Pflegeheimen zu einer signifikanten Steigerung der Lebensqualität, des Körpergewichtes, der Energieaufnahme (Nijs et al 2006a) und einer gesteigerten körperlichen Leistungsfähigkeit, sowie einer Verminderung von mangelernährten PatientInnen (Nijs et al 2006b). Evidencegrad +++
Nijs et al (2006a) und Nijs et al (2006b) untersuchten die Auswirkungen eines Schöpfsystems und der damit verbundenen Umgebungsgestaltung gegenüber dem herkömmlichen Tablettsystem bei geriatrischen PatientInnen in Pflegheimen, die nicht an einer Demenz litten. Die 6-monatige Intervention beinhaltete die Gestaltung der Tische (Tischdecke, Trinkgläser, Blumen), die Wahl der Speisen beim Anrichten, das Servieren der Speisen in Tellern beim Tisch, das Vorhandensein mindestens einer helfenden Pflegeperson pro Tisch, welche sich zu den PatientInnen bei der Essenseingabe setzte und die Gewährleistung, dass keine anderen Aktivitäten während den Mahlzeiten stattfinden (z.B. Visiten, BesucherInnen, Medikamentenverteilung). Weiters wurde darauf geachtet, bestimmte Rituale zu setzen, wie erst mit dem Essen zu beginnen wenn alle bei Tisch sitzen und vor dem Essen ein kurzes Innehalten oder Tischgebet. Die PatientInnen bestimmten selbst wann mit dem Essen begonnen wurde.
Diskussion
Bisher wurden die Auswirkungen der Art der Speiseverteilung auf die Mangelernährung in der geriatrischen Langzeitpflege wenig untersucht. Die vorliegende Evidence zeigt, dass es durch ein angemessenes Ambiente bei der Einnahme der Mahlzeiten mit einer familiär gestalteten Speisenversorgung zu positiven Outcomes der PatientInnen bei der Lebensqualität, den körperlichen Funktionsfähigkeiten, dem Körpergewicht und dem Ernährungszustand kommen kann. Durch die komplexe Intervention kann kein Rückschluss gezogen werden, welcher Teil der Intervention den größten Einfluss auf die Outcomes hatte. Verantwortliche in Pflegeheimen sind gefordert bei der Wahl des Speiseversorgungssystems die Auswirkungen auf PatientInnen mit einzubeziehen. Eine angenehme Umgebungsgestaltung während der Nahrungsaufnahme lässt sich mit geringen finanziellen und personellen Ressourcen in beinahe jeder Langzeitpflegeeinrichtung umsetzen und sollte als Mindeststandard in Pflegeheimen gewährleistet sein.
In den eingeschlossenen Studien wurden PatientInnen, die an einer Demenz leiden ausgeschlossen, welche Beschränkungen der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf Pflegeheimpopulationen darstellen. Die AutorInnen verweisen in ihrer Diskussion jedoch darauf, dass die Ergebnisse vermutlich auf alle PflegeheimbewohnerInnen übertragen werden können und begründen dies mit einer klinischen Studie bei kognitiv eingeschränkten PatientInnen mit ähnlichen Interventionen der Umgebungsgestaltung (Nijs et al 2006a).
Qualität der Evidence nach Grade:
++++ hoheQualität, +++ moderate Qualität, ++ niedrige Qualität, + sehr niedrige Qualität
Copyright: © LKH-Univ. Klinikum Graz, Fachbereich Evidence-based Nursing
Literatur
Bartholomeyczik, S., Schreier, M.M., Volkert, D., Bai, J.C. (2008): Qualitätsniveau II Orale Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung von Menschen in Einrichtungen der Pflege und Betreuung, Economica Verlag, Heidelberg
Behrens J, Langer G. (2010): Evidence-based Nursing and Caring. Hans Huber Verlag, Bern. Bewertung einer Interventionsstudie http://www.medizin.unihalle.de/pflegewissenschaft/media/EBN/Interventionsstudien_v1-6.pdf(29.03.2011)
Heseker, H. (2003): Häufigkeit, Ursachen und Folgen der Mangelernährung im Alter, Ernährungsumschau 50, Heft 11, S.444-446
Nijs KAND., de Graaf C., Kok FJ., van Staveren WA. (2006a): Effect of family style mealtimes on quality of life, physical performance, and body weight of nursing home residents: cluser randomised controlled trial. BMJ 20, 332(7551),1180-4
Nijs KAND., de Graaf C., Siebelink E., Blauw YH., Vanneste V., Kok FJ., van Staveren WA. (2006b): Effect of Family-style Meals on Energy Intake and Risk of Malnutrition in Dutch Nursing Home Residents: A Randomised Controlled Trial. Journal of Gerontology: MEDICAL SIENCES 61A (9), 935-942
Schönherr S., Lohrmann C. (2010): Mangelernährung in sechs österreichischen Pflegeheimen - ein heimliches Leid. Procare 15 (2), 3-8
Schreier, M.M, Bartholomeyczik, S. (2004): Mangelernährung bei alten und pflegebedürftigen Menschen, Schlütersche Verlagsgesellschaft, Hannover
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