Effektivität von Aromapflege in der klinischen Praxis
| Datum |
August 2010 |
| Autorinnen |
Schoberer D, Haas W, Schaffer S, Schrempf S, Semlitsch B, Uhl C |
| Auftraggeber |
LKH Univ. Klinikum Graz |
| Kontakt |
daniela.schoberer@klinikum-graz.at |
Pflegefrage
Gibt es externe Evidence für die effektive Anwendung von Aromapflege in der klinischen Praxis?
Hintergrund
2005 wurde von Gross et al eine Pflegefrage zur Effektivität des Einsatzes von Aromatherapie in der Pflege erstellt, wobei man zu den Ergebnissen gekommen ist, dass es keine Evidenz für die Wirksamkeit von Aromatherapie bzw. ätherischen Ölen in der klinischen Praxis gibt. Aufgrund der zunehmenden Popularität von Aromapflege im Krankenhausbereich ist die Evaluierung dieser Pflegefrage von besonderer Bedeutung. (Gross et al 2005)
Laut der österreichischen Gesellschaft für wissenschaftliche Aromatherapie und Aromapflege versteht man unter dem Begriff „Aromapflege" den fachkundigen Einsatz ätherischer Öle, naturbelassener Pflanzenöle, Hydrolate und deren Produkte in der Gesundheits- und Krankenpflege. Sie kann in folgenden Bereichen Anwendung finden:
• Raumbeduftung
• Hautpflege der intakten Haut
• Anwendungen zur Prophylaxe (z.B. Pneumonieprophylaxe, Dekubitusprophylaxe)
• Pflegeindizierte Waschungen
• Mundpflege
• Wundbehandlung (im Rahmen des mitverantwortlichen Tätigkeitsbereichs) (Marenitz 2007)
In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden dass in evidence-based Pflegefragen die externe Evidence (Ergebnisse aus der wissenschaftlichern Literatur) aufgezeigt wird. Um Entscheidungen über die Einführung von Pflegeinterventionen treffen zu können sind jedoch neben der externen Evidence, ebenso die interne Evidence (Erfahrungen von Pflegenden, Wünsche der PatientInnen) und ökonomische Anreize und Vorschriften zu berücksichtigen. (Behrens & Langer 2010b, S.27-28)
Methodik
Zur Beantwortung der Pflegefrage wird eine systematische Literaturrecherche in den Datenbanken Medline, CINAHL, Cochrane Central Register of Controlled Trials und Cochrane Database of Systematic Reviews mit den Suchbegriffen Aromatherapy, essential, essential oil*, home*, hospital*, nursing, nursing home*, oil* durchgeführt. Die Recherche beschränkt sich auf deutsch- und englischsprachige randomisierte kontrollierte Studien und systematische Übersichtsarbeiten mit oder ohne Metaanalyse, die in den letzten 5 Jahren publiziert wurden. Weiters wird nach relevanten Artikeln in der Metasuchmaschine BING recherchiert. Die Titel und Abstracts der „Treffer" werden hinsichtlich der Erfüllung der festgelegten Einschlusskriterien (im Bezug auf PatientIn, Intervention, Outcome, Studiendesign, Publikationsdetails) geprüft. Folglich werden die gemäßen Artikel im Volltext gelesen und mit Hilfe von Bewertungsbögen für Interventionsstudien (Behrens J, Langer G. 2010a) und für Systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen (Behrens J., Langer G. 2004) hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit, Aussagekraft und Anwendbarkeit von jeweils 2 Autorinnen (HW., SchaS, SD, SchrS, SB, CU) unabhängig voneinander geprüft. Bei Uneinigkeit werde die Studie von einer dritten Autorin begutachtet (SchaS) und die Bewertung im Team diskutiert. Anschließend werden die Studien nach Outcomes geclustert und bei klinischer Ähnlichkeit in Form von Metaanalysen dargestellt.
Ergebnisse
Insgesamt konnten 121 Treffer in den drei Datenbanken und 2 Treffer durch Handsuche erzielt werden. 87 Studien wurden nach Sichtung der Titel und Abstraktes; 16 Studien nach der Volltextsichtung ausgeschlossen. Zur Beantwortung der Pflegefrage wurden demnach 20 Studien - acht Systematische Reviews und 12 Randomisierte kontrollierte Studie - herangezogen. Aufgrund der klinischen Heterogenität können die Ergebnisse nicht gepoolt werden und werden nach Outcomes geclustert dargestellt.
Dementiell bedingte Verhaltensauffälligkeiten
Durch die Anwendung von den ätherischen Ölen Melisse oder Lavendel kommt es bei dementen, agitierten PatientInnen zu einer Reduktion von agitiertem Verhalten (Ballard et al 2002, Lin et al 2007, Nguyen & Paton 2008, O'Conner et al 2009). Evidencegrad +++
Bei Ballard et al (2002) kam es durch die täglich zweimalige Applikation von Melissenlotion (Melissa officianalis 10% in Basislotion) auf das Gesicht und die Hände zu einer signifikanten Reduktion von Agitation und motorischer Unruhe. Des Weiteren konnte bei der Interventionsgruppe eine Verbesserung der Lebensqualität, die sich durch eine Verminderung sozialer Zurückgezogenheit und einer gesteigerten Aufnahme konstruktiver Tätigkeiten kennzeichnet, festgestellt werden. Die nächtliche Verabreichung von Lavendelöl (Lavandula angustifolia) führte bei Lin et al (2007) zu einer Verringerung von agitiertem Verhalten bei dementen PatientInnen in Pflegeheimen. Das ätherische Öl wurde mittels Aromadiffuser (2 Tropfen) für eine Stunde in der Nacht versprüht.
Keine Evidence besteht für die Wirksamkeit von Aromapflege, speziell für das Symptom „wanderndes Verhalten" bei agitierten dementen PatientInnen (Robinson et al 2006). Evidencegrad ++
Angst
Keine Wirksamkeit hat die Anwendung von ätherischen Ölen zur Reduktion von Angst in der klinischen Pflegepraxis. Weder präoperative Angst bei PatientInnen im Krankenhaus (Braden et al 2009, Muzzarelli et al 2006) Evidencegrad ++, noch die Angst vor Befunden einer Bronchoskopie oder Mediastinoskopie kann durch die Applikation oder Inhalation von ätherischen Ölen reduziert werden (Stirling et al 2007) Evidencegrad ++. Auch bei PatientInnen mit der Diagnose Krebs kommt es durch die topische Anwendung von ätherischen Ölen zu keine Reduktion von Angstzuständen (Fellowes et al 2004). [Evidencegrad ++] Weiters besteht derzeit keine Evidence, dass Aromapflege wirksam ist, um Angst bei palliativ versorgten PatientInnen zu reduzieren (Kyle 2006). Evidencegrad +
Die Wirksamkeit von ätherischen Ölen konnte lediglich bei der Raumbeduftung in Zahnarztpraxen belegt werden. Durch die Beduftung der Warteräume mit Lavendelöl (Lavandula angustifolia) konnten akute Angstzustände verringert werden. Keine Auswirkung hatte die Intervention auf die generelle Angst vor dem Zahnarzt (Kritsidima et al 2010). Evidencegrad +++
Schmerzen
Die Anwendung von Aromapflege, inhalativ und/oder topisch hat keine Auswirkungen auf postoperative Schmerzen bei Kindern (Nord & Belew 2009) Evidencegrad ++ oder Erwachsenen (Kim et al 2007) Evidencegrad +.
Keine Evidence besteht für die Anwendung von Aromapflege im Rahmen des Schmerzmanagements während der Geburt (Smith et al 2007). Evidencegrad +
Im Bezug auf Schulterschmerzen nach einem Insult kann die Applikation von ätherischen Ölen (Rosmarin- Rosmarinus officinalis, Lavendel- Lavandula angustifolia und Pfefferminze- Mentha piperata im Verhältnis 2:1:1 verdünnt mit Jojobaöl), auf den betroffenen Bereich, zu einer Reduktion der Beschwerden führen (Koog et al 2010). Evidencegrad ++
Geburtsereignisse
Aromapflege in Form von Inhalation, Massage, Badewasserzusatz oder kühlenden Kompressen während dem Geburtsvorgang hat keinen Einfluss auf die Art der Geburt (Spontan, Notsectio, Kristeller, Ventouse), auf Ereignisse während der Geburt (spontan/eingeleitet, Geburtsfortschritt, Fruchtblasensprung) und auf den kindlichen AGPAR -Score (Burns et al 2007). Evidencegrad ++
Schlaf
Es gibt keine Evidence, dass die Anwendung von Aromapflege bei älteren und alten Menschen (Koch et al 2006) oder bei unter 50 Jährigen mit Schlafstörungen zu einer Verbesserung der Schlafqualität und/oder Verminderung von Schlafstörungen führt. (Lewith et al 2005). Evidencegrad +
Lymphödeme
Keinen Einfluss auf den Behandlungserfolg bei PatientInnen mit Lymphödemen hat die Verwendung einer Salbe mit ätherischen Ölen (Fenchel- Foeniculum vulgare, Salbei- Salvia Officinalis, Geranium- Pelargonii odorantissimi, Pfeffer- Piper nigrum, Wacholder- Juniperus communis) zur Selbstmassage im Vergleich zu einer herkömmlichen öligen Salbe (Barclay et al 2006). Evidencegrad ++
Unerwünschte Wirkungen
Durch die Anwendung von Aromapflege kann es zu unerwünschten Wirkungen kommen. Bei Ballard et al (2002) litt eine StudienteilnehmerIn, die Melisse topisch anwandte, 2 Tage lang an einer Diarrhöe. Durch die Anwendung der Salbe mit ätherischen Ölen zur Reduktion von Symptomen eines Lymphödems kam es bei einer PatientIn zu einer Unverträglichkeitsreaktion auf dem betroffenen Hautareal (Barclay et al 2006).
Diskussion
Um einen möglichst großen Nutzen für viele PflegepraktikerInnen zu erzielen, wurden bei der Erstellung der Pflegefrage keine Einschränklungen im Bezug auf PatientInnengruppen oder Outcomes vorgenommen. Eine globale Aussage zur Effektivität von Aromapflege in der klinischen Praxis ist demnach nicht möglich. Die Wirksamkeit der Anwendung von ätherischen Ölen in der Pflegepraxis konnte bei spezifischen Gruppen belegt werden. Bei PatientInnen mit einer schweren Demenz kann es zu einer Verringerung von Agitation kommen, bei PatientInnen in Warteräumen zu einer Verminderung von akuter Zahnarztangst und bei InsultpatientInnen können Schulterschmerzen reduziert werden.
Bei der Übertragung der Ergebnisse in die Pflegepraxis ist zu beachten, dass die Wünsche, Vorlieben sowie Aversionen der PatientInnen im Vorfeld erhoben werden müssen und eine zwingende Rolle bei der Entscheidung für oder gegen die Anwendung von ätherischen Ölen in der Pflegepraxis haben.
Bei Muzzarelli et al (2006) galten beispielsweise als Ausschlussgründe für die Teilnahme an der Studie, „Überempfindlich gegenüber Gerüchen", „Allergien auf exogene Faktoren" und „andere Anwesende im Zimmer sind überempfindlich gegenüber Gerüchen". In Österreich ist es unüblich, dass PatientInnen ihren Aufenthalt in Krankenhäusern oder Pflegeheimen in Einbettzimmern verbringen. Es ist folglich von besonderer Bedeutung, dass die Anamnese sowie die Wünsche aller im Zimmer befindlichen Personen erhoben werden.
Laut der österreichischen Gesellschaft für wissenschaftliche Aromatherapie und Aromapflege gilt als Anwendungsbereich der Aromapflege neben der Raumbeduftung und topischen Anwendung, die Anwendung im Rahmen von Waschungen, zur Mundpflege und zur Wundbehandlung (Marenitz 2007). Es konnten keine Studien identifiziert werden, die die Anwendungsbereiche Waschung, Mundpflege oder Wundbehandlung untersuchten.
Weiters bedarf es Forschung zur Wirksamkeit von Aromapflege bei PatientInnen deren Bewusstseinslage beeinträchtigt ist, insbesondere bei komatösen PatientInnen und PatientInnen auf Intensivabteilungen.
Mit dieser Pflegefrage wird die externe Evidence zur Anwendung von ätherischen Ölen in verschiedenen Bereichen der Pflegepraxis aufgezeigt. Pflegerische Entscheidungen sind jedoch immer Einzelfallentscheidungen und sollten durch externe und interne Evidence begründet sein.
„Pflegende und Therapeuten können meist nicht am Pflegebedürftigen oder Patienten, sondern nur mit ihm hilfreich wirken" (zit. Behrens & Langer 2010b, S.27).
Qualität der Evidence nach Grade:
++++ hoheQualität, +++ moderate Qualität, ++ niedrige Qualität, +sehr niedrige Qualität
Copyright: © LKH-Univ. Klinikum Graz, Fachbereich Evidence-based Nursing
Literatur
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Bewertung einer Systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse
http://www.medizin.uni-halle.de/pflegewissenschaft/media/EBN/review.pdf (10.06.2010)
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http://www.medizin.uni-halle.de/pflegewissenschaft/media/EBN/Interventionsstudien_v1-6.pdf (10.06.2010)
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